Beschreibung der Aretin'schen Besitzungen und der Landwirtschaft in Haidenburg und Aldersbach

Bericht der Exkursion des "Landwirtschaftlichen Distrikt-Vereins Pfarrkirchen" nach Haidenburg und Aldersbach am 05.07.1855 in der Landshuter Zeitung vom 07./08.07.1855. Transkription: Robert Klugseder

Einführung: (in Vorbereitung)




Schlosses Haidenburg

Auf freundliche Einladung machte gestern der Landwirthschaftliche Distrikts-Verein Pfarrkirchens, vertreten von vielen hervorragenden Mitgliedern, an ihrer Spitze den 1. Vorstand Herrn Grafen von Geldern auf Thurnstein eine Excursion, um die schon rühmlichst bekannte Oekonomie des Vereinsmitgliedes Seiner Excellenz des Herrn Reichsraths Baron von Aretin zu Haidenburg in Ansicht zu nehmen. In Krohstorf an der Grenze seines Besitzes empfing der Herr Baron aufs Freundlichste die Versammlung und leitete dieselbe vor allem auf eine etwa 2 Tagwerk große Wiese, deren Drainirung beabsichtigt und auf circa 6 Tagwerken schon in Angriff genommen ist. Die regelmäßig gezogenen Gräben waren größtentheils noch offen und an einzelnen Stellen die eingelegten Röhren sichtbar. Das in ihnen stark strömende Wasser, der sehr ockerhaltige Boden mit vielem Moose bewachsen, und das Woll- und Knopfgras mit Läufekraut, Gänsedistel, ja sogar Binsengras und Tannenwedel untermischt, beurkundeten deutlich, wie nothwendig für diesen Grund die Entwässerung ist, wenn selber auf einen bessern Ertrag gebracht werden soll.

Von da führte der Weg durch die Waldung des Herrn Baron, die an manchen Stellen künstlich bepflanzt ist und Zeugniß gibt, wie gesund, frisch und üppig die Stämme emporschießen, wenn ihnen ihre natürliche Bodendecke, die Waldstreu nicht entzogen wird, in den etwa 6 Tagwerk großen und mit 16.000 Stangen besetzten Hopfengarten. Die hoch emporgewachsenen Pflanzen stellen einen guten Ertrag in Aussicht. Hierauf ward der geräumige Getreidstadel Gegenstand der Besichtigung. In selbem ist eine sehr einfach construirte Dreschmaschine von Jordan in Darmstadt aufgestellt, mit welcher per Tag 20-21 Schäffel schweres Getreide getroschen werden können. Eine zweite derartige Maschine von gleicher Wirksamkeit, aber anderer Construktion, eine sogenannte Barett'sche aus dem gräflichen von Einsiedeln'schen Eisenwerke zu Görritz, wurde später der Gesellschaft in Allersbach gezeigt. Ein großer Gemüsegarten mit einer 5000 Stämme zählenden Baumschule von verschiedenen Obstsorten in bewunderungswürdiger Ordnung und im vorigen Jahre vom Herrn Baron eigenhändig veredelt, bildete den Uebergang zur Besichtigung der Ackergründe, welche ihrer Reihenfolge nach mit Waizen, Kartoffeln, Mengfuter, Gerste und Reps bestellt sind. Ein Bohnenfeld sah man später in Weng, das Kornfeld in Allersbach. Der Stand sämmtlicher Fruchtgattungen ist ein vorzüglicher zu nennen. Besonders wohlthuend war dem Auge die große Reinlichkeit der so ausgedehnten Felder. Man sah nur wenig Unkraut. Unter dem Waitzen ließ sich bloß die Rade (Agrostema) häufig blicken. Diese Reinlichkeit wurde durch den beständigen Fruchtwechsel, durch den Bohnenbau und insbesondere durch den Bau des Mengfutters erzielt, welches vor der Reife abgemäht kein Unkraut absamen läßt. Die etwa 820 Tagwerk zählenden Felder sind in 12 Schläge abgetheilt und mit Reihen von Obstbäumen umsäumt, die leider heuer nur geringe Ernte versprechen.

Daß zu einem solchen Oekonomiegute bedeutende Wiesgründe erforderlich sind, leuchtet ein, ihr Complex mag, wenn ich nicht irre, 2 Tagwerk betragen. Dieselben liegen großen Theils nördlich der nach dem Pfarrdorfe Uttigkofen führenden Straße. Riesige Eichen verleihen der Gegend eine immer seltner werdende Zierde. Der Ertrag der Wiesen wird dadurch ungemein erhöht, daß von den Schloßstallungen durch einen gemauerten an manchen Plätzen den Boden 10' tief durchschneidenden Kanal alle Jauche, durch das aus dem Schloßweiher abfließende Wasser zweckmäßig verdünnt, bis hieher — also fast eine Viertelstunde weit — auf die Wiesen geleitet und durch viele Abzugsgräben auf ihnen gleichheitlich vertheilt wird. Eine schwarze fast unheimlich aussehende Masse fließt die Jauche langsam einher, doppelte Fruchtbarkeit geben.

Ueber den Schloßberg emporgestiegen, traf unser Auge im Schloßhofe in langer Reihe verschiedene Oekonomiegeräthschaften neuerer Construktion aufgestellt. Darunter waren eine neue schottische Putzmühl, mehrere Schwärz'sche Untergrundspflüge, Häufler, Schäufler, Brabantereggen, Exstirpatoren, eine schottische Doppelegge, Säe- und Drillmaschinen, eine Kartoffelschneidmaschine u.s.w. Auch ein Drainirsatz ward besonders von den Landwirthen in Ansicht genommen. Der Herr Baron hatte die Güte, den Zweck der einzelnen Geräthe und ihre Construirung zu erklären.

Man war nun den Stallungen nahe. Beginnend mit dem 20ständigen hochgewölbten Pferdestalle, wurden nacheinander der für die Zugrinder, Schweine, wo ein englischer Zuchtbär sich befand, zuletzt der für die Kühe besichtigt. "Das Schönste kömmt zuletzt", sagte beim Eintritte in denselben Herr Graf Geldern. Es war wahr gesprochen. Der Kuhstall bildet eine lange gewölbte Halle, das Gewölbe von zwei Reihen steinener Säulen getragen. In einer bogenförmigen Krümmung gebaut, läßt er die Doppelreihe der nützlichsten der Hausthiere fast nicht überschauen. Wohl 80 prächtige Stücke derselben von verschiedener, von Allgäuer, Montafuner, Berner-Race und Kreuzung sind aufgestellt. Das für sie nothwendige viele Futter wird durch im Gewölbe angebrachte Oeffnungen herabgeworfen. In allen Stallungen herrschte lobenswerthe Reinlichkeit.

Einige Schritte noch und wir befanden uns im Schlosse. Dasselbe ist ein hohes Gebäude, in den obern Stockwerken immer enger zulaufend. Seiner Bauform nach wird es wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts gebaut worden sein. Es trat an die Stelle eines frühern, vielleicht durch Alter baufällig gewordenen. Denn Haydenburg reicht schon in die Römerzeit hinauf, wie sein lateinischer Name „Jovis ara" kundgibt. Später gehörte diese Besitzung zur Grafschaft Hals, mit der sie an die Leuchtenberg kam, denen die Closen und zuletzt die Aretin im Besitze folgten.

In einem Gemache des Erdgeschoßes war eine Drainageröhren­presse aufgestellt worden, welche der Herr Baron arbeiten ließ. In kurzer Zeit waren einige Röhren fertig, nur noch des Brennens bedürftig. Mit einigem Widerstreben folgte man der Einladung, eine Treppe höher zu steigen. Kleidung und Stiefel waren schon nicht mehr in anständiger Verfassung. Im Speisesaale waren Bier, Brod und kalte Küche zur Erquickung der Gäste bereitet, zu deren Genuß der Herr Baron dieselben herzlichst auf forderte. Diesen ward hier auch die Freude, die Frau Baronesse Gemahlin zu sehen, welche wegen des Ablebens ihres Herrn Vaters des k. Generallieutenants Freiherrn von Gumpenberg noch in Trauerkleidung erschien. Dieselbe unterhielt sich freundlich mit den Anwesenden. Mit ihr waren auch einige liebenswürdige Kinder gekommen, welche sich zutraulich unter die Gäste mischten. Ein Theil der Letztern benützte die kurze Zeit, um auch die ein Stockwerk höher in 2 Sälen aufgestellte bändereiche Bibliothek, alle Zweige des menschlichen Wissens umfassend, zu sehen. Man mußte sich in eine öffentliche Bibliothek versetzt glauben, und doch war es nur ein Theil der Bücher, ein anderer Theil, besonders theologische Werke enthaltend, ist in Allersbach aufgestellt.

Der l. Vorstand Graf Geldern mahnt zum Aufbruche. "Es gibt noch mehres zu sehen, wir müssen noch nach Allersbach" hieß es. Vorher wurden noch die dem Schlosse zunächst gelegenen Gartenanlagen durchgangen. Vergebens strengte man das Auge an, einige der im anstoßenden Hirschgarten befindlichen Thiere zu sehen — sie blieben hinter den Gebüschen.

Die Entfernung von Haydenburg bis Allersbach mag eine deutsche Meile sein. Sie wurde eilig durchfahren. In Weng, einem erst kürzlich durch Ankauf mehrerer bäuerlicher Anwesen erworbenen Oekonomiegute von 140 Tagwerk, ward ein kurzer Besuch gemacht. Der Herr Baron läßt dort einen großen Stadel bauen, in welchem die jetzt in Allersbach befindliche Dreschmaschine aufgestellt werden wird. Auch befindet sich hier ein Theil der Jungrinder in einem noch neuen Stalle. Schwarze, gegen Westen auf steigende Gewitterwolken mahnten zur eiligen Abfahrt. Man war auch kaum in Allersbach angekommen, als ein heftiger Gewitterregen niederströmte. Nachdem derselbe nachgelassen, begab man sich in die nahe Pfarrkirche, ehemalige Cisterzienserkloster-Kirche. Es wäre dem Zwecke entgegen, würde ich mich in eine weitere Beschreibung dieses Gotteshause einlassen. Mit Wohlgefallen ruhte das Auge auf den schönen Altarbildern und den noch im frischen Farbenglanze niederschimmernden Decke- und Wandgemälden al fresco. Auch das reiche Schnitzwerk der Altäre, mit Gold fast überladen, wurde bewundert. Die ganze Kirche zeigte von dem einstmaligen Reichthum dieser Abtei. Dieselbe ist im romanischen Stile erbaut. Schade, daß dieselbe nicht die Pfarrkirche einer größern Gemeinde ist.

Die hier befindliche Bibliothek, das Bräuhaus mit mancherlei neuen zweckmäßigen Einrichtungen, die Dreschmaschine, im weiten mit Fässern angefüllten Faßhause waren weitere Objekte der Betrachtung. An die Kloster- jetzt Schloßgebäude stoßt ein 400 Tagwerk großer Park, theils mit Mauer theils mit Pfahlwerk ringsum umgeben. Dahin richtete man jetzt die Schritte, nicht wegen der darin befindlichen Rehe oder Hirsche, sondern weil auf der Berghöhe eine Alpe errichtet ist. Man erstieg dieselbe durch einen schlagbaren Forst. Bei dem Austritte aus der Holzung sah man einige junge Rehe und zwei junge Dammhirsche grasen — ein seltener Anblick! Scheu zogen sie sich beim Anblick so vieler Fremden zurück. Weiter südlich erblickte man endlich den Zielpunkt unserer Wanderung. Auf einem mit englischen und französischen Ray- mit Knaul- und Timotheusgras unter Rothklee bepflanzten Acker weideten 18 Jungrinder größtentheils Bernerschlages. Es waren schöne kräftige Thiere verschiedener Größe. Sie kamen bis auf einige Schritte zu uns heran. Zur Belebung und Verschönerung der Staffage, weidete ein junges Pferd, ein Boni, unter ihnen, vertraulich mit den Rindern scherzend. Man konnte sich fast nicht satt sehen an dem schönen Bilde.

Der Rückweg wurde über die sogenannte Klause genommen. Schon in der Nähe des Schlosses oberhalb einer ungeheuern Sandgrube, aus der wohl schon zum Baue des Klosters und der Kirche der Sand genommen worden ist, wurde kurzer Halt gemacht. Es war ein Punkt der eine weite Fernsicht über das fruchtbare Vilsthal geboten hätte. Die Luft war jedoch nicht rein, der Gesichtskreis sohin beschränkt.

Damit das Schöne mit dem Nützlichen sich paare, und das Schönste den Schluß mache, ward nach der Rückkehr ins Schloß die reichhaltige Gemäldegallerie, im ehemaligen Refektorium aufgehangen, in Ansicht genommen. Unter den Bildern befinden sich sehr werthvolle, namentlich von niederländischen Meistern.

In dem äußern Klostergange war zur Labung und Ruhe der Gesellschaft eine lange Tafel improvisirt. An ihr ließ man sich nieder und verweilte noch eine geraume Zeit im heitern Gespräche die Erfahrungen des Tages auszutauschen. Das vortreffliche Bier — wieder durch die Gastfreundschaft des Herrn Baron gespendet — machte die Zunge gesprächiger und ließ nur das eine Bedauern zu, daß nur so selten ein gleich gehaltvolles und schmackhaftes sich findet.

So war ein schöner Tag verflossen, reich an herrlichen Genüssen, reich an Stoff, insbesondere zur Belehrung in der Landwirthschaft. Jedem Oekonomen, auch dem Kleinbegüterten, wurde Nützliches geboten. Denn es muß besonders hervorgehoben werden, nicht die Großartigkeit der Einrichtungen im Allgemeinen, sondern mehr die Genauigkeit, Emsigkeit, und Umsicht, welche sich auch im Einzelnen und Kleinen kundgeben, macht das Nützliche und Erhebende der bei dieser Gelegenheit gemachten Beobachtungen aus. Der Landwirthschaftliche Verein von Pfarrkirchen darf es sich zur größten Ehre rechnen, ein solches nicht bloß durch die Höhe seines Ranges und die Größe seines Areals, sondern aus durch seine umsichtige Thätigkeit in allen Zweigen der Landwirthschaft so ausgezeichnetes Mitglied, als es der Herr Baron von Aretin ist, zu den Seinen zu zählen. Ich glaube auch deßhalb im Sinne aller an dieser Excursion Theilnehmenden zu handeln, wenn ich den Worten des Herrn Grafen von Geldern beim Abschiedstoast mich anschließend, diese Zeilen mit herzlichen Dankesworten schließe für die freundliche Einladung und den eben so freundlichen Empfang, für die viele Mühewaltung in der Begleitung und in der Erklärung der einzelnen Gegenstände, für die großartige Gastfreundschaft und für die mannigfaltigen so seltenen Genüsse aller Art, welche der Herr Baron von Aretin den anwesenden Vereinsmitgliedern bereitet hat.